Entwicklung in Zeit und Raum

Die Töpfer in Europa verwendeten seit Urzeiten und bis zum 12. Jahrhundert hauptsächlich gemeine Tone, die in vielen Gegenden leicht zu beschaffen waren, aber auch viele Unreinheiten wie zum Beispiel Eisen aufwiesen. Dieses Mineral verleiht den meisten Erden durch das Brennen eine rötliche Färbung. Gebrannter Ton ist das einfachste und gängigste Keramikprodukt. Noch heute werden daraus Backsteine, Ziegel und Blumentöpfe hergestellt.

ENTWICKLUNG UND VERBREITUNG

Es waren die alten Römer, die damit begannen, Irdenware mit einer durchsichtigen, bleihaltigen Glasur zu überziehen. Dank dieser neuen Technik, die aus dem Nahen Osten kam, wurde Irdenware wasserdicht und somit auch hygienischer in der Verwendung. Allerdings verdeckte die durchsichtige Glasur die starke Färbung des darunterliegenden Tons nicht. Das Endprodukt war nach wie vor relativ grob und liess sich schlecht verzieren.

Die eigentliche Revolution in der Geschichte der Keramik brachte das Porzellan. Es entstand vermutlich bereits im 7. Jahrhundert in China. Mit ihrem reinen, durchscheinenden Weiss, ihrer Festigkeit und ihrem Klang übte diese neue Art von Keramik Jahrhunderte lang eine Faszination auf die ganze Welt aus. Im Gegensatz zur Irdenware ist Porzellan das Ergebnis einer für die damalige Zeit bereits hochentwickelten Technologie: Das Syntheseprodukt ist eine ausgeklügelte Mischung aus Quarz, Feldspat und – dem wichtigsten Inhaltsstoff – Kaolin. Diese ausgesprochen reine Tonerde kommt nur in ganz besonderen Lagerstätten vor. Zudem wird Porzellan bei sehr hohen Temperaturen gebrannt (zwischen 1300 und 1400 Grad Celsius). Diesen Vorgang beherrschten lange Zeit nur die Chinesen.

Im 8. und 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelangte chinesisches Porzellan mit den Karawanen der Seidenstrasse erstmals in den Nahen Osten und weckte vor allem im Zweistromland Bewunderung und Begehrlichkeiten. Harun al-Raschid, der Kalif von Bagdad, forderte die Töpfer Mesopotamiens auf, die wunderschöne fremdländische Keramik zu kopieren, doch diese kannten die Geheimnisse der Herstellung von Porzellan natürlich nicht. Indem sie im 9. Jahrhundert eine neue Keramikart erfanden, die in Europa als «Fayence» bekannt wurde, konnten sie aber einen Teilerfolg verbuchen. Bei flüchtiger Betrachtung ist die Oberfläche der Fayence beinahe so weiss und glatt wie diejenige des Porzellans. Sie eignet sich als Grundlage für Dekore und wurde deshalb auch sehr bald mit allerlei phantasievollen Motiven verziert. Anfangs diente Fayence aber nur als Ersatz für Porzellan und war nichts weiter als Tonware, die zunächst mit einer einfachen Bleiglasur versehen wurde. Anschliessend wurde das Produkt mit der neu entwickelten,  weissdeckenden Zinnoxid-Glasur, der sogenannten «Zinnfritte» überzogen. Im Übrigen weist diese Keramik weder die Festigkeit, noch die Feinheit und erst recht nicht den Durchschein von Porzellan auf. Trotzdem erlebte die Fayence während vier Jahrhunderten eine Blütezeit. Bis es den Europäern gelang, eigenes Porzellan herzustellen, war sie in technischer und künstlerischer Hinsicht das hochwertigste Keramikerzeugnis der westlichen Welt.

 

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